E-Learning: „Enormes Potenzial für Verlage“ – Interview mit Sünne Eichler

Die Relevanz und Verbreitung von E-Learning hat in den letzten Jahren massiv zugenommen. Warum das selbstbestimmte Lernen über E-Learning-Programme aus Unternehmen und Privathaushalten nicht mehr wegzudenken ist und wie Verlage sich diese Entwicklung zu Nutze machen können, erklärt Sünne Eichler im Interview.

 

Sünne EichlerImmer mehr Menschen recherchieren, kommunizieren, bestellen und kaufen im Internet. Geben Sie uns Ihre Einschätzung: Wird auch das Lernen in Zukunft zunehmend digital?

Das digitale Lernen ist schon jetzt aus Unternehmen und in Privathaushalten nicht mehr wegzudenken. Für viele ist das selbstbestimmte Lernen über ein E-Learning-Programm normaler Alltag. Allein die Verdoppelung der Nutzer mobiler Endgeräte von 2010 auf 2011 (gem. einer Studie des Bitkom-Verbandes) hat die Nachfrage nach mobilen Lernlösungen beflügelt.  Aber auch das „herkömmliche E-Learnen“ zuhause oder im Betrieb nimmt zu: Laut einer MMB-Studie lag der Umsatz der E-Learning-Branche 2007 bei 160 Mio., 2010 bereits bei 350 Mio. Euro.

 

Wo liegen die Vorteile des E-Learnings gegenüber anderen Lernformen bzw. -medien?

Ein Vorteil ist sicher, dass das Lernangebot orts- und zeitunabhängig zur Verfügung steht. Der Lerner kann das Programm in seinem eigenen Tempo durcharbeiten und jederzeit Lerneinheiten wiederholen. Er muss nur die Kapitel bearbeiten, die für ihn wichtig sind. Außerdem steht das Wissen dann bereit, wenn er es benötigt – Stichwort Learning on Demand. Social-Media-Angebote wie Wikis oder Blogs helfen, sich zudem mit anderen Lernern schnell austauschen. Heterogene Zielgruppen können durch ein vorweg geschaltetes Lernprogramm auf ein homogenes Wissens-Niveau gebracht werden. Die dann folgende Präsenzphase kann dann viel effizienter genutzt werden.

 

Welche Möglichkeiten bietet E-Learning für Verlage?

Spätestens seit der Ankündigung von Apple im Januar diesen Jahres, mit dem iBook2 interaktive Bücher darzustellen, dürfte den Verlagen klar sein, dass hier enormes Potenzial besteht. Verlage können ihre Inhalte in Wissensportalen als „Knowledge Nuggets“, als Lernprogramme in Form von WBTs (Web based Trainings) oder CBTs (Computer based Trainings) oder als Webinare vermarkten. Allein der boomende Mobile Markt bietet gute Chancen, neue Produkte zu vertreiben.

 

Welches Vorgehen empfiehlt sich für Verlage, die E-Learning-Angebote neu ins Programm aufnehmen wollen?

Wichtig ist zunächst eine fundierte Bedarfsanalyse, um festzustellen, was wirklich für ein erfolgreiches E-Learning-Projekt benötigt wird. Das darauf aufbauende Konzept sollte zunächst für ein überschaubares Projekt ausgelegt sein, in dem die technischen Anforderungen nicht zu hoch gesteckt werden. Idealerweise startet man mit einer medienaffinen Zielgruppe. Inhaltlich sollte man zunächst den Fokus auf ein E-Learning-Programm legen, das zeitnah bei den Lernern den Nutzen aufzeigt und somit schnell einen Quick-Win erzielt. Der Projektleiter sollte sich mit modernen Lerntechnologien auskennen und ein gewisses Standing im Unternehmen haben. Das Schöne an E-Learning-Projekten ist das interdisziplinäre Arbeiten mit unterschiedlichen Experten und das Zusammenführen von Inhalt, Didaktik und Technik.

 

Die Fragen stellte Teresa Rasch

 

Sünne Eichler ist Expertin für Bildungsmanagement und E-Learning sowie Mitglied des Kongresskomitees der LEARNTEC und der Jury des europäischen E-Learning-Awards EURELEA. Vom 8.-12. April 2013 leitet sie den von der Akademie des Deutschen Buchhandels veranstalteten Zertifikatskurs E-Learning-Projektmanager ADB, der Fach- und Führungskräften aus Verlagen, Bildungseinrichtungen und Industrieunternehmen alle wesentlichen Kompetenzen für die Planung und Umsetzung von E-Learning-Projekten vermittelt.

 

 

  • http://jasonhpeterson.com Jason Peterson

    Super zusammen gefasst Frau Eichler; danke schön!!! Ich mache mir oft Gedanken darüber ob in Zukunft weniger Demos / App Sims erforderlich sein werden (z.B. erstellt mit Adobe Captivate oder Camtasia Studio und z.T. auch Articulate) weil der Lerner mehr durch Social Learning (Media) bekommt was er sucht / braucht / wissen will. Sicherlich ist es eine Verschwendung von Zeit so was zu erstellen für viel Geld wenn es einfacher und günstiger ist mit Text und Bilder. Zu nutzen sind die Präsentationen von Articulate oder Adobe Presenter die von vielen einmal oder öfters angeschaut werden müssen (damit derjenige sich nicht immer wiederholen muss). Dann für z.B. SAP Implementierungen sind die App Sims super weil sie von allen genutzt werden können ohne eine teuere Testumgebung aufzustellen und zu pflegen. Was sagen Sie zu den Instructional Designers da draußen die sich derzeit Gedanken machen über so was: “soll ich Captivate verkaufen und vergessen”? Ich höre die Frage immer wieder. Danke im Voraus und ein schönes Wochenende wünsche ich Ihnen!!!

    • Sünne Eichler

      Hallo Herr Peterson, vielen Dank für Ihren Kommentar und Ihre Frage.
      Meiner Meinung nach wird Social Learning nicht alle bisherigen Formen der Wissensvermittlung bzw. des Wissenserwerbs ersetzen. Social Learning ist EIN Element eines Bildungskonzeptes und da. wo es Sinn macht, ein geeigntes Element. Es gibt immer noch sehr viele Fälle (und das wird aus meiner Sicht auch noch eine ganze Weile so bleiben) in der mit Autorentools Lerneinheiten erstellt werden, die als vollständiges Lernprogramm oder als Micro-Lerneinheiten zum Learning on Demand dem Nutzer angeboten werden. Von daher halte ich weiterhin eine Investition in diese Tools und in die Erszellung von Lerneinheiten als sinnvoll.