Frau Praetor, wo liegen aus Ihrer Sicht gegenwärtig die größten Herausforderungen in der Verlagsherstellung?
Nach meiner Einschätzung liegt die Herausforderung in der Bandbreite der Aufgaben. Wo vor einigen Jahren der Fokus auf dem gedruckten Endprodukt lag, sind inzwischen elektronische Produkte – sei es eBook-PDF, ePub oder App – aus dem Produktspektrum nicht mehr wegzudenken. Und bei allen, die schon länger im Berufsleben stehen, kamen diese Themen im Rahmen der Ausbildung noch nicht vor. Die technische Entwicklung schreitet rasant voran und es ist keine Selbstverständlichkeit, da auf dem Laufenden zu bleiben.
Wie kann die Herstellungsabteilung den digitalen Change in Verlagen aktiv unterstützen?
Wir – ich meine uns Herstellerinnen und Hersteller – sind es gewohnt, uns in technische Details hineinzuarbeiten. Häufig sind wir die Einzigen im Unternehmen, die sich mit XML beschäftigen. Es genügt keine unternehmerische Entscheidung, künftig im Bereich der elektronischen Publikationen dabei zu sein; aus der Herstellung kommt die Einschätzung, welche Ergebnisse/welche Produktspezifikation auf der Basis der vorhandenen Daten und Workflows technisch und wirtschaftlich möglich sind. Und natürlich, was ganz vorn in der Produktionskette bei der Datenstrukturierung bedacht (oder eben verändert) werden muss, um die Weichen für andere Ziele zu stellen.
Stichwort Workflows: Wie viel Stabilität, wie viel Flexibilität ist notwendig?
Angesichts der Tatsache, dass mit elektronischen Produkten meist nicht viel oder kein Geld verdient wird, würde ich immer empfehlen, beim Workflow-Design schlanke Prozesse und Stabilität hoch zu priorisieren. Im Einzelfall mag es immer wieder gute Gründe für Flexibilität geben, aber das bedeutet im Regelfall manuelles Eingreifen und damit Zusatzaufwand – extern und intern – bzw. schlicht: Kosten. Daher bevorzuge ich es, wenn ein flexibler Umgang möglich, aber immer eine bewusste Fall-Entscheidung ist.
Vom Hersteller zum Dienstleister- bzw. Schnittstellenmanager? – Welche Kompetenzen sind heute in Herstellungsabteilungen gefragt und wie verändert sich das Berufsbild?
Die Stellenangebote für Hersteller, die in erster Linie selbst “schöne Bücher” machen wollen, werden in meiner Wahrnehmung immer seltener. Für die Vorstufe, das Datenhandling und eben auch für die Gestaltung gibt es erfolgreiche Dienstleister, deren Ergebnisse qualitativ hochwertig, technisch professionell und unter den Gesichtspunkten der Vollkostenrechnung auch kostengünstiger sind, als wenn der Hersteller selbst Hand anlegt – einfach, weil sie sich auf ihr jeweiliges Thema spezialisiert haben. Unsere Aufgabe ist es, in allen Gewerken die notwendige “Tauchtiefe” zu haben, dass wir in der Lage sind, die Dinge zu bewerten, miteinander in Prozessen zu verknüpfen und zu steuern. Und das geht m. E. bis hin zu rechtlichen Grundkenntnissen (wem gehört z. B. das XML-Schema, nach dem wir die Daten strukturieren? Was wird für den Verlag individuell programmiert oder wo fährt man auf einem Produkt des Dienstleisters via ASP-Lösung mit? Etc.) und wie verankere ich das in den Verträgen? Wir müssen kontinuierlich die technischen Entwicklungen verfolgen und exzellente Einkäufer sein, um jede Dienstleistung für unsere Produkte optimal zu nutzen.
Die Fragen stellte Teresa Rasch.
Heike Praetor ist Moderatorin unseres bewährten Intensivkurses Herstellung kompakt, der vom 25. bis 27. Juli 2012 im Literaturhaus München stattfindet. Zusammen mit fünf Experten (hier auf dem Bild: Harald Leinfelder, Karin Büchner, Heike Praetor und Dr. Konstantin Wegner; v.r.n.l.) werden Sie in die aktuellen Themen und Problemstellungen der Verlagsherstellung eingeführt – von der Print-Produktion bis zur Herstellung von E-Books, Apps und Co. |




